„Je früher sie rauskommen, desto besser“

Hürden über Hürden werden Angelika Schretter in den Weg gelegt. Dabei hat sie etwas zu bieten, bei dem wohl jeder zugreifen würde: kostenlosen Wohnraum für einen jungen, verzweifelten, traumatisierten Flüchtling, der allerdings noch mitten in seinem Asylverfahren steckt. Jetzt versucht seine Patin, eine Ausnahmegenehmigung wegen Krankheit zu erreichen. Doch das ist schwierig.

Angelika Schretter muss zuschauen, wie ihr Schützling immer weiter abbaut, zunehmend in apathische und depressive Phasen verfällt und sich auf nichts mehr konzentrieren kann. Dazu fast jeden zweiten Tag starke  Kopfschmerzen, welche ihm die Konzentration auf die Lernsituation so erschweren, dass er zweifelt, ob  er den Deutschkurs schaffen wird. „Der muss aus dem psychischen Loch raus, der entwickelt kaum mehr Eigeninitiative“, schüttelt sie den Kopf. Sie versucht alles, um dem jungen Afghanen zu helfen: mit einem Job, mit Deutschkursen, mit einer Psychotherapie und vor allem mit dem Angebot, bei ihr in München privat unterzukommen.

Doch das geht in Bayern nicht. Der 27-Jährige ist nur geduldet und muss seit Monaten in einer gammeligen Unterkunft auf dem Land ausharren. „Der bleibt da“, beschied die zuständige Ausländerbehörde kurzerhand. Es dauerte zwei Monate, bis die Regierung von Oberbayern auf ihren Antrag antwortete. Frau Schretter kann es nicht verstehen: „Der versumpft dort, weil niemand sein Potential erkennt. Je früher er rauskäme, desto besser“. Der junge Afghane spricht vier Sprachen, darunter sehr gut Englisch, hat einen Bachelor in Computer Science und Economy und ist hochintelligent. Wenn er einen Arbeitsvertrag hätte und für sich selbst sorgen könnte – das Zimmer bei Angelika Schretter wäre kostenlos -, dürfte er sogar zu ihr ziehen. Wenn….

Seine Patin macht sich Sorgen, denn ihr Schützling geht seit dem Ramadan immer häufiger in die Moschee. Hier findet er Geborgenheit und Verständnis. Ob das auf lange Sicht gut geht? Frau Schretter ist sich da nicht so sicher: „Die Regierung erreicht nach meiner Beobachtung mit ihrer gegenwärtigen Abschottungspolitik eine Verstärkung der subjektiv empfundenen Ausgrenzung und Isolation der Flüchtlinge. Und das lässt keine guten Perspektiven bezüglich Integration erahnen. Der Halt, den der Islam insbesondere den jungen Menschen in der  gegebenen emotional äußerst  schwierigen Situation gibt, wird m.E. stärker sein als die fragmentarischen Deutschkenntnisse, die ihnen geradezu aufgezwungen werden. Darin liegt vielleicht – neben der beschämenden humanitären Ignoranz – die größte Gefahr“.

Angelika Schretter, München